Background

BIOGRAFIE

Vor einigen Tagen bin ich 26 Jahre alt geworden. Zu jung um eine Bilanz zu ziehen. Aber ausreichend um sich einen Moment hinzusetzen und Ihnen zu erzählen, wie ich mein Leben als Sportler führe.
Wenn ich in die Vergangenheit blicke sehe ich natürlich die schönen Emotionen von Vancouver und den Glanz eines Olympiasieges, den ich schon bei meiner ersten Teilnahme an der weltweit größten Veranstaltung erlangt habe.
Dieser Erfolg hat sich Schritt für Schritt aufgebaut, in einem familiär ausgeglichenen und glücklichen Umfeld. Ich bin in Albertville geboren aber ein bisschen weiter oben in der Tarentaise im Tal der Bellevilles im Dörfchen Bettex aufgewachsen, wo mein Vater und seine Brüder unser Haus fertiggestellt haben, als meine Mutter mit mir Schwanger war.

Die Anfänge

Es ist schwer den Skier zu entkommen, wenn der Vater Leiter einer Seilbahngesellschaft und die Mutter Skilehrerin ist. In meinem kleinen Dorf mit 80 Einwohnern sind die Skier schnell meine verlängerten Füße geworden. Um Spaß zu haben, um meinen Eltern zu folgen, um es so wie all die anderen zu machen, denen ich dabei zusah, wie sie sich auf den beiden Brettern amüsierten.

Dem Skiverein beizutreten ist bei uns ein Muss weil es Teil der Kultur unserer Orte und Alpendörfer ist. Dort findet man Freunde, dort spielt man und dort lernt man Gegner zu besiegen, zugleich faszinierend, auf spielerische Art und Weise und mit Rivalität. Im Laufe eines meiner ersten Trainingslager habe ich von Ski Alpin über Gymnastik bis hin zu Skilanglauf alles ausprobiert. Und ich blieb beim Langlauf hängen. Warum? Ich weiß nicht mehr viel aber es war klar, dass ich der Langlaufmannschaft beitreten wollte. Ich habe sicherlich die intensive Anstrengung gemocht, die Rennen Seite an Seite mit den anderen Jungs aus dem Verein und den Geist, der in dieser kleinen Gruppe herrschte.
Außerdem nehme ich einige Monate später an meinem ersten Wettbewerb in Champagny-en-Vanoise teil und ich frage mich mit meiner Startnummer 42, wie ich ein Rennen gewinnen kann, wenn ich 21 Minuten nach dem ersten Starter loslaufe.
Was soll’s, ich bin gelaufen bevor ich dann mit meinen Freunden im Schnee gespielt habe. „Vincent, beeil dich, du bist zweiter... Ich sehe das Gesicht von Pierre Lecomte und Christophe Cullet, meine Trainer, die mich panisch suchten, damit ich aufs Podium klettere. Seitdem habe ich begriffen, dass beim Langlauf die Startnummer belanglos ist und wie bei „Der Hase und die Schildkröte“ alle Eile nichts nützt, wenn man nicht rechtzeitig losläuft...
Diese allererste Trophäe, die von der Post gesponsert wurde, habe ich mit Stolz meiner Mutter präsentiert, auf die ich extra am Ende ihres Skiunterrichts gewartet habe...
Auf eine Saison folgte die nächste, ich war vollkommen begeistert von diesem zwar harten aber so bereichernden Sport. Als Meister der Savoyen war dann die erste wichtige Station der Beitritt zur Mannschaft der Savoyen, welche die besten „Nordischen“ des Departements für Wettkämpfe mit Skiläufern aus ganz Frankreich zusammenbringt.

Auf dem Weg zum Spitzensportler

Ich habe das Glück von Champions wie Lionel Laurent, Bronzemedaillengewinner in der Biathlonstaffel von Lillehammer, der sich um Langlauf kümmerte, und Franck Perrot, ehemaliger Biathlonjuniorenweltmeister, betreut zu werden. Sechs Langlaufrennen und drei Biathlonwettbewerbe gegen professionelle Gegner. Für meine erste Saison als Nachwuchsläufer war das ziemlich happig…bis zum letzten Rennen, das ich in Chaud Clapier gewinne. Aber ich beiße mich fest, ganz davon überzeugt, dass mein Weg der auf zwei Brettern ist.
Langlauf oder Biathlon? Es wird Biathlon weil ich die Dualität dieser zwei gegensätzlichen Disziplinen mag. Diese dem Zufall überlassene Seite, manchmal sogar diese Lotterie dieses Sports, indem mit einem Fehler oder Treffer alles möglich ist, fasziniert mich und zieht mich an.

Ich setzte mich voll für den Sport und das Training ein, währenddessen ich brav für die Schule arbeite. Ich mache das Abitur und begebe mich dann an die Universität von Annecy, die Profiskiläufern besondere Angebote macht.
Die Jahre als Junior sind vollgepackt aber sie bringen auch die ersten internationalen Lorbeeren: Medaillen bei den Junioren- und Europameisterschaften. So langsam beginne ich diese Kunst zu beherrschen, die Feinheiten des Schießens zu durchblicken sowie wie ein Profisportler zu denken und zu leben. Ich komme sogar in die B-Mannschaft Frankreichs, das Sprungbrett zum Weltcup.
2006 überwinde ich eine weitere Hürde: Während die Nationalmannschaft in Turin bei den Spielen um Gold kämpft, gewinne ich acht IBU Cups, Medaillen bei den Juniorenweltmeisterschaften sowie den Europameisterschaften und ich ergattere vier französische Juniorentitel.
Das ermöglicht es mir den Weltcup kennenzulernen, nämlich in Oslo auf dem Holmenkollen, der Teil der Langlaufkultur ist. Das ist ein bisschen so, wie wenn man einen Fußballer bitten würde, sein erste Spiel mit dem Profis im Stade de France zu absolvieren. Ich begegne Björndalen, Fischer und all den Stars des internationalen Biathlon. Ich teile mein Leben und Training mit Raphael Poirée oder Vincent Defrasne...
In meinen beiden ersten richtigen Saisons im Weltcup erlebe ich ein Wechselbad mit Hochs und Tiefs. Dreimal schaffe ich es unter die Top 30 der Welt, aber ich pendle ständig zwischen IBU Cup und Weltcup. Ich lerne noch. Manchmal zweifle ich. Der Weg scheint mir noch extrem lang und hin und wieder will ich alles hinschmeißen und zurück bei mir zu Hause leben. Ich beiße mich fest, gedrängt von meiner Familie und von dem Willen meinen Kindheitstraum nicht aufzugeben.
2009 wechsle ich meine Ausrüstung und mache einen Neuanfang. Was mir schwierig schien wird einfacher. Als Jäger mag ich die mentale Seite des Schießens. Ich lerne meine Gefühle zu kontrollieren. Am Ende der Saison gewinne ich in Whistler Mountain, dem Austragungsort der Olympischen Spiele von Vancouver, das Einzelrennen mit null Fehler.

Die olympische Weihe

Ich weiß von nun an, dass ich einen Platz im Kampf mit den Besten sicher habe. Am Ort der Olympischen Spiele zu gewinnen, das bedeutet sich olympische Ambitionen zu machen. In meinem Zimmer nehme ich mir den Streckenplan vor und lerne mit Überzeugung jedes kleinste Detail.
Ein Jahr später bin ich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Olympiasieger im Sprint…Ich bin von den Gefühlen überwältigt und kann kaum realisieren, dass ich diesen Titel, diesen Traum eines jeden Sportlers, mit 24 Jahren am Ende von drei Saisons auf Spitzenniveau erreicht habe. In der Verfolgung ergattere ich eine weitere Medaille, dieses Mal in Bronze. Dann erlebe ich die andere Seite der Medaille. Das ganze Glück, das durch diesen Erfolg hervorgerufen wird, die immer positiven Aussagen von Unbekannten aber auch das Ende der Anonymität, die Anfragen und, auch wenn ich mich sträube es zu sagen, eine Form von Leistungsdruck.

Meine Saison 2011 war durchschnittlich. Ohne Zweifel hat es mir an Frische gefehlt aber es war auch wichtig, für meine Disziplin und für mich, die Erfolge der Medaillen im Sommer 2010 auszunutzen.
Heute bin ich im Trainingslager in Chambéry mit der französischen Nationalmannschaft. Eine neue Saison zeichnet sich ab. Manchmal wenn ich träume sehe ich den Jungen wieder, der nicht wusste, dass er zweiter geworden war.
Er ist reifer, er ist erwachsen geworden, aber er ist immer noch der Schalk bei Späßen unter Freunden. Die Hoffnung nicht aufgeben. Niemals aufgeben. Die Last von Enttäuschungen relativieren können.
Kommen Sie mit mir! Ich nehme Sie mit in meine Welt.